Pfungstädter Raststätte als Ort der Geschichte

Trotz des Sturms war die Museums-Ausstellung „Bauen und Wohnen“ in der Remise doch gut besucht. Zum Vortrag „Pfungstadt 1939 bis 1960“ konnten viele eigene Erlebnisse eingebracht werden. Anschließend wurde die Raststätte Ost angefahren, wo Wolfgang Roth vom Verein für Heimatgeschichte Eschollbrücken zur Autobahn sowie Raststätte und Tankstelle referierte und anschließend eine Führung durch Motel und ehemaliges Restaurant stattfand, die Erinnerungen wachrief, denn viele Pfungstädter feierten Familienfeste dort und/oder kehrten dort nach einer durchzechten Nacht in de rund um die Uhr geöffneten Cafeteria ein. (Foto: Rainer Ohl)
Remise 10.03.19 3

Krieg, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder

Am 2. Sonntag im März (10.) ist die Sonderausstellung des Stadtmuseums und des Museumsvereins in der Alte Remise, Rügnerstraße 35a, von 15 bis 17 Uhr zu sehen. Um 16.30 Uhr findet der Vortrag zu „Pfungstadt in den Jahren 1939 bis 1960“ statt. Anschließend beginnt die Rad- bzw. Autotour zu der Raststätte Ost, an der Wolfgang Roth vom Verein für Heimatgeschichte Eschollbrücken deren Geschichte in der heutigen Raststätte erläutert.

1939 war der Beginn des zweiten Weltkriegs, der auch in Pfungstadt geprägt war durch Lebensmittel- und Rohstoffknappheit, den Wehrpflichtigen weit weg, Zwangsarbeitern, Kriegsschäden, Verfolgung von jüdischen und anderen Mitbürgern. Am 24.3.1945 wurde Pfungstadt ohne Kampfhandlung besetzt, Ludwig Clemens lief den US-Truppen, die den Rhein bei Oppenheim überquert hatten, mit einer weißen Fahne entgegen und verhinderte so weiteres Blutvergießen.

Das US-Militär richtete in den Räumen des Pfungstädter Anzeigers die Redaktion und den Druck  von ihrer Zeitung „Stars and Stripes“ ein, bis sie 1949 nach Griesheim umzogen. Tony Vaccaro fotografierte in ganz Deutschland für diese Zeitung und so ist die Nachkriegswelt von Pfungstadt in seinen Werken zu sehen. Die ersten Wahlen fanden statt und die Kommunisten besetzten Schlüsselpositionen in der Politik. Nahrungs- und Heizmittel waren knapp, es wurde schwarz geschlachtet und Kinder schnorrten von den US-Soldaten Kaugummis, Schokoriegel oder Bananen.

Nach der Währungsreform gingen die industrielle Entwicklung und der allgemeine Wohlstand steil aufwärts. 1948 wird durch den O-Bus (Oberleitungsbus) endlich Pfungstadt besser an das Nahverkehrsnetz angeschlossen, der dann 1963 von einer normalen Buslinie ersetzt wurde. Die Bahn wird immer weniger eingesetzt und schließt 1955 für den Personenverkehr.

1947 wurde die GeWoBau gegründet, die im Süden der Stadt große Wohngebiete für viele Menschen erbaute. Weitere Baugebiete wurden im Norden geplant und bebaut. Durch die gestiegene Bevölkerungszahl war auch eine neue Schule notwendig und so baute man die Friedrich-Ebert-Schule mit einer Sport- und Kulturhalle sowie einem Kindergarten. Das Industriegebiet Ostendstraße entstand mit den Firmen Strecker, Brot-Weber, Gebrüder Hofmann und anderen. Durch den Neubau der Volksbank in der Borngasse wurde der alte Stadtkern unwiderruflich zerstört. durch den stärker werdenden Verkehr auf der Autobahn wurde der vorhandene Parkplatz zu einer beidseitigen Tank- und Raststätte ausgebaut. Der bekannte Darmstädter Architekt Ernst Neufert plante diese Anlagen und sie stehen heute beide unter Denkmalschutz.

Foto: Tony Vacarro: Obere Rheinstraße mit „Stars and Stripes“-Gebäude, Kreuzung Eberstädter-/Bahnhofstraße (Stadtarchiv Pfungstadt)

TONY VACCARO Stars and stripes Büro Pfungstadt 1948

Pfungstadt 1914 bis 1939

Vortrag und Spaziergang am 3. Februar 2019 um 16 Uhr

ak-pfungstadt-vom-flugzeug-aus 1932

Der erste Weltkrieg war auch in Pfungstadt geprägt durch Nationalismus, Kriegsanleihen, Versorgungs- und Rohstoffprobleme, Feldpost und Liebesgaben. Viele Pfungstädter zogen als Soldaten in den Krieg und 243 kamen nicht zurück. Danach lag Pfungstadt in der entmilitarisierten, neutralen Zone im Vorfeld der französischen Rheinlandbesetzung. 1919/20 entstand entlang der Akazien-Anlage die Mühlberg-Siedlung aus einfachen Häuschen. Die 20er Jahre waren auch für die Pfungstädter nicht einfach, Hungersnot und Inflation waren Kriegsfolgen.

Andererseits waren aber auch viele Vereine sehr aktiv, neue Vereinigungen wurden gegründet, Sportplätze angelegt, Schrebergärten angelegt, politische Gruppierungen waren aktiv. Arbeitslose trafen sich an Straßenkreuzungen; es kam zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten gegen Nationalsozialisten. Nach der Machtergreifung 1933 wurde jede Opposition verfolgt und fast alle Gruppierungen gleichgeschaltet.  Viele, auch Kommunisten, schlossen sich der NSDAP an, andere wurden inhaftiert und kamen ins KZ Osthofen. Besonders eindringlich sind die Lebenserinnerungen von Heinrich Huxhorn, der seine Vernehmungen und das Geschehen allgemein in Pfungstadt sehr ausführlich beschreibt.

Die Häuser an der oberen Ringstraße wurden gebaut, als „Grünes Wohnen“ mit Vorgärten bekannt. Der Reichsarbeitsdienst zog ins Gelände der Ultramarinfabrik, das Ried wurde entwässert, die Autobahn gebaut. Auf dem Gelände war auch die „Befreiungshalle“, wo ab 1935 Aufmärsche und Propaganda-Reden abgehalten wurden. Straßen wurden umbenannt, die jetzige Lindenstraße, damals „Kaiserstraße“ wurde zur „Hitlerstraße“. Für Deutsche aus den Ostgebieten entstand die „Seeheimer Siedlung“, kleine Häuser mit großen Gärten, damals noch abgesetzt von der Stadt. Auch die Judenverfolgung mit der Reichspogromnacht 1938 hatte in Pfungstadt ihre Entsprechung: jüdische Geschäfts- und Privathäuser wurden demoliert, die Menschen misshandelt und die Synagoge verwüstet. Dazu ist auch die Ausstellung der Landesarbeitsgemeinschaft und Erinnerungsinitiativen der NS-Zeit in Hessen zu sehen.

Beim Spaziergang ab 16.30 Uhr werden wir Ring- und Mühlbergstraße sowie die ehemalige Synagoge und das historische Rathaus besichtigen.

 

Pfungstadt 1889

Zur letzten Sonntagsöffnung der Sonderausstellung „Bauen und Wohnen – Stadtentwicklung Pfungstadts“ in diesem Jahr laden wir Sie am 2. Dezember in die Alte Remise in der Rügnerstraße 35a ein. Die Ausstellung selbst wird zwischen 15 und 17 Uhr geöffnet sein, besonderes Augenmerk wird an diesem Tag auf die Zeit zwischen 1870 und 1900 gelegt und um 16.30 Uhr machen wir uns dann zum Spaziergang auf und gehen in den Westen Pfungstadts. Wir beginnen mit dem Kriegerdenkmal, das für die Gefallenen des Krieges von 1870/71 vor der evangelischen Kirche errichtet wurde. Die Reparationszahlungen führten in ganz Deutschland zur Gründerzeit, auch in Pfungstadt. Firmen wurden gegründet, Fabriken gebaut und Straßenzüge mit Arbeiter- und Handwerkerhäuser entstanden (Fabrik-, verlängerte Kirchstraße). Daneben gab es gutbürgerliche oder gar herrschaftliche Häuser, wie die Villa Büchner und die Wohnhäuser der Brauerei. Gleichzeitig wurden Arbeiterorganisationen und wirtschaftliche Vereine gegründet, etwa der Landwirtschaftliche Darlehenskasse-Verein (spätere Volksbank), der Konsumverein 1875 sowie der Orts- oder Lokal-Gewerbeverein 1873, der zwei Jahre später eine Ausstellung für Industrie und Landwirtschaft durchführte. 1876 wurde der Turnplatz für den neu gegründeten Turnverein an der Rügnerstraße eingeweiht und auch die Lessingschule und die Höhere Bürgerschule eingerichtet, 1892 gründete der Brauereibesitzer Ulrich den Ziegenzuchtverein. Pfungstadts rasche Entwicklung war auch der Grund für den Bau des Bahnhofs 1886, der Kreisstraße Pfungstadt-Griesheim und der Verleihung der Stadtrechte. Wirtschaftlich und auch gesellschaftlich war es eine sehr aktive und spannende Zeit und sie ist noch im Wohnungs- und Industriebau sichtbar. Der Spaziergang beginnt wegen der frühen Dunkelheit schon um 16.30 Uhr, es können auch Fahrräder mitgenommen werden

Pfungstadt 1836

Die Entwicklung der Stadt Pfungstadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das Thema am Sonntag, 4. November, in der alten Remise, Rügnerstraße 35a, im Rahmen der Ausstellung „Bauen und Wohnen“.
Durch die Erfindung der Dampfmaschine begann die frühe Industrialisierung auch in Pfungstadt. Dort gab es an der Modau viele Mühlen, die mit Transmissionen (Riemengetrieben) ausgestattet wurden. Später zogen dort auch andere Fabriken ein und neue Industriegelände entstanden. Pfungstadt wurde aufgrund der vielen Schornsteine als „Klein-Manchester“ bezeichnet. In den Fabriken arbeiteten viele Menschen und für sie entstand ein neues Baugebiet im Norden um die Sandstraße. Die Arbeiterhäuser dort wurden mit Backsteinen aus den hiesigen Ziegeleien erbaut. Die Fabrikbesitzer bauten sich schöne Villen im klassizistischen Stil, von denen noch einige vorhanden sind. Der wirtschaftliche Aufschwung führte auch zum Bau von öffentlichen Gebäuden, die Mädchen und die Borngass-Schule, das Pfarrhaus und die Synagoge sind Beispiele dafür.  Auch das Zentrum verlagerte sich nach Norden auf die Eberstädter Straße (Bild: Rainer Ohl).
Die Ausstellung wird von 15 bis 17 Uhr geöffnet sein, es gibt Kaffee und Kuchen und um 17 Uhr findet ein Spaziergang zu den Gebäuden dieser interessanten Epoche statt.
Bild12ObereEberstädterStraße